Ich wohnte als Alleinstehende in einem großen Haus außerhalb der Eckernförder Altstadt und es wurde für mich immer schwieriger, mit allem allein fertig zu werden. So kam langsam der Gedanke auf, mir eine Wohnung zu suchen, obwohl es mir sehr schwerfiel, mich von allem zu trennen, besonders von den alten Nachbarn, mit denen wir über 35 Jahre zusammengewohnt hatten.
Es war nicht leicht, eine geeignete Wohnung zu finden, aber als ich die Annonce von einem Makler las „Lebensgerechtes Wohnen in der Innenstadt von Eckernförde“ (Nutzungsoffene Grundrisse für ein Nebeneinander der Generationen. Barrierefreie Erschließung von der Tiefgarage bis in die Wohnungen. Große Terrassen oder Balkone in Süd-West Lage), war mein Interesse geweckt. Ich erfuhr, dass es sich um das Grundstück der alten Räucherei Nachtigal im Jungfernstieg handelte.

Foto: Jahrbuch 2022 der Heimatgemeinschaft Eckernförde e.V.
Der Architekt Rimpf sollte den Bau erstellen, der Investor machte einen guten Eindruck und so unterschrieb ich den Kaufvertrag für eine Wohnung.
Es war für mich ein großes Abenteuer, denn diese Wohnung bestand nur auf dem Papier, wobei ich die Zeichnungen oft gar nicht richtig lesen konnte. Mein Sohn unterstützte mich, aber trotzdem….
Ich fuhr sehr oft mit dem Fahrrad zu dem alten Speicher im Jungfernstieg und dem links daneben liegenden historischen Haus Nr. 117. Das rechts angrenzende kleine Wohngebäude, das seit mehreren Generationen im Besitz der Fischerfamilie Mahrt befindlich war, sollte erhalten bleiben. Ecke Bredenbeksgang/Jungfernstieg war ein kompletter Neubau vorgesehen. Das alte rote Backstein-Kontorhaus im Bredenbeksgang hingegen sollte nicht abgerissen werden.
Als ich mich für eine komfortable Wohnung in der Altstadt entschied, wollte ich aber trotzdem „Altstadt-Nähe“. Meine Wohnung sollte in dem alten, roten Backstein-Kontorhaus der Firma Nachtigal liegen – beinahe an der Ecke Fischerstraße mit seinen schönen Altstadthäusern.
Herr Nachtigal lud mich in sein Büro ein, ich durfte das Vordach betreten, um einen Blick in den Garten von den Nachbarn zu werfen, um zu sehen, wie der Blick aus meinem zukünftigen Wohnzimmer wohl aussehen würde.
Aber es kam alles anders als geplant. Der Architekt musste für den Wohn-Komplex mit 19 Wohnungen, auch 19 Parkplätze nachweisen, und das gelang nur, wenn er die Tiefgarage vergrößerte. Also musste auch das alte Kontorhaus im Bredenbeksgang abgerissen werden.
Für mich entstand eine aufregende Zeit. Ich war sehr oft an der Baustelle, beobachte hinter den Absperrungen, was sich dort tat, verstand vieles nicht, aber Herr Klinck, der Malermeister aus der Nachbarschaft, konnte mich immer wieder mit Neuigkeiten versorgen: Verzögerungen, weil Wasser in den Fahrstuhlschächten stand, Probleme mit dem Denkmalschutz, Baustopp und vieles mehr.


Fotos: Helga Giese
Bei meinen Besuchen erlebte ich, wie die Schuppen, die alten Gebäude und vieles mehr dem Erdboden gleich gemacht wurden. Im Keller lagen die Trümmer des letzten Räucher-Schornsteins, und ich sah das erste Mal Altonaer Räucher-Öfen.


Fotos: Helga Giese
Als dann noch die „Schürze“ (Holz-Konstruktion auf dem Dach, um den Rauch nach oben zu leiten) abgebrochen wurde, und es überall nach Räucherfisch roch, wurde mir schon etwas wehmütig ums Herz.

Von den alten Öfen haben wir dann später einige Türen zur Erinnerung auf unserem Innenhof angebracht.
Foto: Helga Giese
Einige meiner neuen Nachbarn und auch ich drängten auf Fertigstellung, weil wir unsere Häuser verkauft hatten, und es wurde eine stressige Zeit, denn der Einzugstermin verzögerte sich um ein Dreivierteljahr.
In der Zwischenzeit war ich damit beschäftigt, Küche, Badezimmer-Einrichtung, Fliesen, Parkett, Fußbodenleisten, Türen, Türgriffe, Außen-Jalousien und vieles mehr auszusuchen, denn der Architekt ließ uns eine sehr große Entscheidungs-Freiheit.
Jetzt wohne ich seit 16 Jahren im „Quartier Räucherei Nachtigal“ und fühle mich in der Altstadt, in der Nähe des Hafens und wo Arzt, Friseur, Fußpflege und Bio-Markt fußläufig zu erreichen sind, sehr wohl.

Foto: Bärbel Hoffmann
Helga Giese
Oktober 2025
